Liebe Reben – wohin des Weges?

Stunden und Tage verbringen wir in dieser Zeit im Weinberg und „erlesen“ jede einzelne Rebe. Was heisst das?

Mit unbändiger Freude sind die Reben Mitte April ausgetrieben. Wie ein übergrosses Buffet präsentiert sich das Angebot an den einzelnen Stöcken. Alles können und wollen wir aber nicht wachsen und reifen lassen. Wir entscheiden. Für starke, robuste Triebe. Zögerliche, unentschlossene Triebe brechen wir weg. Weniger ist mehr.

Ich mag diese Arbeit. Sie ist so bereinigend.
Raum schaffen für das, was wachsen soll.
Weg mit allem, was zuviel ist.

Meine Hände sind beschäftigt, der Kopf ist frei. In Gedanken schaue ich auf die letzten Wochen zurück. Die Natur kannte keinen Lockdown; unbeirrt folgte sie ihrem Rhythmus. Für dieses Beständige im Alltag bin ich sehr dankbar. Und sonst? Weg mit vielem. Agenda leer.

Bewusst will ich den Alltag langsam wieder füllen – Mit allem, was mir wichtig ist. Das andere will ich weglassen. Damit es Raum gibt fürs Wesentliche.

„Und wo geht der Weg hin, Rebe du?“, frage ich im Stillen.
„Wachse aus dir hinaus. Frohen Herzens, der Sonne entgegen“, höre ich sie antworten.

Die hat gut reden, überlege ich mir. Doch was will sie anderes tun, als ihrer Bestimmung zu folgen? Sie kann gar nicht anders.
Sie kennt ihre Aufgabe, und die erfüllt sie.

Besser noch: Die Rebe kennt gar keine Alternativen. Davon laufen ist keine Option. Verkümmern auch nicht wirklich.
Also tut sie, was all ihr Artgenossen tun: Ihrem ureigenen Rhytmus folgen.
Frohen Herzens, der Sonne entgegen.

Am Abend, zuhause, hole ich die Gedanken nochmals hervor. Sie lassen mich nicht in Ruhe.
Welches Gut-Nacht-Lied würde mir die Rebe heute singen?
„Träum süss, überleg nicht so viel, lass dich treiben, von summenden Bienen und deiner Stimme…“

 

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Er reichte uns seine Hand

…die feste Hand eines Landwirts, der seine Felder kennt.

Ah, ein Satz wie ein Bild. Vor dem inneren Auge erscheint  ein grossgewachsener Mann, sicheren Schrittes kommt er auf uns zu, streckt seinen Arm aus, eine einfache Bewegung, alltäglich.

Nun, in Zeiten des Social Distancing, mutet diese Bewegung schon fast etwas tollkühn, ja frech an. Ist sie nicht sogar verboten??

Der Satz stammt von einem Journalisten, der seinen Besuch bei einem Winzer beschreibt. Ein schöner Satz, finde ich. Jetzt aber, in dieser Zeit des Absandes, weckt er eine Sehnsucht in mir. Sehnsucht nach Normalem, nach Geschätztem. Wertgeschätztem. Ein bewusster Händedruck, so schlicht wie aufrichtig, erachte ich als eine viel stärkere Botschaft als die leidigen drei Küsschen.

Dieser kurze Moment, in dem wir uns die Hand geben, lässt uns bereits viel von unserem Gegenüber erahnen. Wie stark ist der Händedruck? Wie gross ist die Hand? Ist sie sehnig oder speckig? Hoffentlich nicht schwitzend-feucht.

Ganz klar, dass die Hand von einem Handwerker – einer, der von Hand werkt und wirkt – oftmals gross und stark ist. Man spürt förmlich, dass diese Hand oft etwas „Richtiges“ in der Hand hält. Bickel und Schaufel, Steuerrad von einem Traktor, Motorsäge und Autopneu.
Arbeitende Hände sind immer an einer Umwandlung beteiligt.

Wenn man auf einem Weingut aufwächst, wachsen die Hände automatisch zu Werkzeugen heran. Hände, die zupacken können. Hammer, Kessel, Erde, Sträucher. Haptik, Struktur, Geruch, Konsistenz – die Welt zeigt sich auf verschiedene Arten und Formen.

Dass nicht bei allen Menschen dieses händische Leben zum Alltag gehört, wurde mir erst mit 16 Jahren bewusst, als ich meine KV-Lehre begonnen habe. Ich erinnere mich noch genau an die erste Woche im Büro, wie ich haupsächlich Papier in den Händen hatte, die Fingerbeeren berührten oft die PC-Tastatur und den Startknopf des Druckers und der Kaffeemaschine. Der Bostit-ch war dann schon so: „Hach, wieder mal was richtiges in der Hand!“ Der Locher konnte es noch leicht steigern. Aber das war’s dann.

Doch vorwiegend Papier. Büroklammern. Es war das erste Mal, dass ich am Wochenende zuhause erbettelt habe, meine Hände in die Erde zu stecken, Dreck unter den Fingernägeln zu sehen, piecksende Äste zu schleppen.

Da wären wir wieder bei der Sehnsucht. Nach der starken Hand, die seine Felder kennt.

 

 

 

 

 

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Die Zärtlichkeit des Moments

 Manchmal muss man die Grösse haben, klein zu bleiben.

 

Ich liebe diesen Spruch. Er ist ähnlich wie ein anderer.

 


Bei den Trauben…, den Projekten,… den Zielen,… den Ansprüchen….

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Der Rebschnitt – Die Lehre der Entscheidung

Es ist Januar. Das ist der Monat, in dem Sie keine Ausrede mehr haben, die ge- fassten Vorsätze nicht umzusetzen. Was, Sie haben sich keine vorgenommen? Auch gut. Doch bestimmt – hoffentlich! – haben Sie trotzdem Wünsche, Träume, Ziele, die Sie in diesem und den nächsten Jahren verwirklichen möchten. Die Auswahl ist gross. Der Haken ist manchmal nur: Wie erreiche ich sie? Wer oder was kann mir dabei behilflich sein? Was dient mir kurzfristig, was ist nachhaltig?

All diese Gedanken nehme ich mit in den Rebberg. In diesen Wochen schneiden wir die Rebstöcke zurück. Damit wird der Grundstein fürs neue Weinjahr gelegt. Nachdenklich betrachte ich den ersten Rebstock. Knorrig ist der Stamm. Je älter die Rebe, desto knorriger der Stamm. Und desto verwurzelter. Der verwurzelte Stamm, das Fundament. Diesen brauche ich. Aus ihm wachsen Triebe, und aus diesen wachsen Früchte. Früchte für einen grossartigen Wein. Grossartig, weil einzigartig.

Meine Gedanken schweifen ab. Was ist der Stamm eines Menschen? Ist es die Heimat, die Kindheit, die Familie? Etwas, das war und ist. Worauf wir zurückgreifen und aufbauen können. Die Triebe, die letztes Jahr aus dem Rebstock gewachsen sind, sind verholzt. Sie haben ihre Arbeit getan. Alle, bis auf einen. Diesen nehme ich mit ins neue Jahr. Der Auserwählte wird die diesjährigen Trauben hervorbrin-
gen. Es soll der Beste unter allen sein. Nah am Stamm, nicht zu dick und nicht zu dünn, kraftvoll und doch biegsam. Um meinen Traum zu verwirklichen, brauche ich den besten Gefährten. Den Traum vom grossartigen Wein. Grossartig, weil einzigartig. Wie alles Lebendige. Bei jedem Rebstock muss ich mich für den passenden Weggefährten entscheiden. Das sind über 10 000 Entscheidungen. Ob ich immer richtig entscheide? Wohl kaum. Doch ich weiss: Nur keine Entscheidung ist falsch. Denn nur wenn ich die Rebe nicht schneide, gibt es eine klägliche Ernte.
Die Arbeit des Rebschnitts ist sehr befreiend, da man sich von Altem, Ausgedientem trennen muss. Gleichzeitig kann man den Grundstein für etwas Neues legen.

Ist es Zufall, dass dieser Prozess am meisten Zeit und Ausdauer erfordert?

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