Warten auf…

Mit zügigen Schritten gehe ich durch den Rebberg.

Die ersten Aprilwochen erscheinen mir jeweils wie Wartemodus.
Der Winterschlaf ist vorbei, doch die Reben sind noch nicht ganz erwacht. Es sind wenige Wochen zwischen der absoluten Ruhe und der unbändigen Schaffenskraft. Wartemodus.

Ich bin ungeduldig. Kribbelig. Vorfreudig aufgekratzt. Doch mein zügiger Schritt durch die Reben bringt diese nicht aus ihrem Rhythmus. Sie öffnet ihre Augen, wenn sie bereit ist dafür. Das macht mich noch ungeduldiger. Das Hinnehmen und Warten müssen. Sich gedulden. Wir kennen es ja, es ist jedes Jahr dasselbe. Und doch ist es immer von neuem ein Lernprozess.

Wartemodus. Während mein Blick über die stillen Reben schweift, höre ich meinen Gedanken zu…
Ich glaube, auf den Austrieb zu warten. Doch ich warte noch auf viel mehr. Ich warte auf Regen.  Ich warte auf Frieden. Ich warte auf Normalität. Ich warte auf meine bestellte Lieferung. Ich warte auf den nächsten gemütlichen Abend. Ich warte… auf das Leben? Vielleicht sollte ich das Leben leben, statt es zu er-warten?

Während meine Gedanken in der Warteschlaufe hängen, bereitet sich die Rebe im Innern still und heimlich auf das Leben im Aussen vor. Der Austrieb, das sichtbare Leben, es geschieht nicht einfach plötzlich, «tadaah». Es geschieht im Verborgenen. Im scheinbaren Wartemodus.

Meine Schritte werden langsamer, die Stimmung gelassener. Fast muss ich über meine Ungeduld schmunzeln. Denn ich erkenne, dass das Leben auch im Wartemodus geschieht. Damit meine kribbeligen Hände doch etwas zu tun haben, hole ich eine Flasche Wein hervor und schenke mir ein Glas ein. Warten kann so schön sein…

 

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